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Erntedank


Liebe Gemeinde,

unlängst verabschiedete ich nach dem Gottesdienst die Gemeinde. Eine betagte Bäuerin fragte ich: „Wie geht es denn auf den Feldern?“ Sinngemäß war ihre unaufgeregte Antwort:  Unser Herr hat versprochen, dass nicht aufhören soll Saat und Ernte… Zudem wird niemand verhungern… Was mir Sorgen macht ist, dass uns die Lust an der Landwirtschaft genommen wird.
Erntedank 2018. Uns wird vor allem die große und lang anhaltende Hitze im Gedächtnis bleiben, dazu der seit Mai fehlende Regen. Es gibt auch große regionale Unterschiede, manches ist in Hülle und Fülle vorhanden. Wir haben unendlich viel Grund unserem himmlischen Vater zu danken! Trotz allem. Und wer sagt uns, dass wir in unserem postmodernen Steigerungswahn jedes Jahr eine Rekordernte erwarten dürfen; damit kämen wir auch nur schlecht zurecht. Der Witterungsverlauf ist ein untrügliches Signal, dass wir ohne Gottes Segen eben nicht tun können.
Adam – der Mensch – steht der Schöpfung nicht einfach gegenüber. Er ist nicht das Subjekt und die Erde sein Objekt, mit der er tun und lassen könnte, was er will. Adam heißt aus dem hebräischen: Die Erde, „ha adama“. Wir zerstörten also schlicht etwas, sondern wir zerstören uns selbst. Das ist der gute Sinn der AT-Worte, dass wir von Erde genommen sind. Wir sind ein Teil dieser Erde. Alles, was in der Schöpfungsgeschichte 1. Mose erzählt wird, ist lauter warmherzige und intelligente Liebe. Klug wird es erzählt und ihr Sinn ist bis heute aufklärend und erleuchtend. Keiner, der wirklich nachdenken will und Religion allgemein nur als dumm und lächerlich darzustellen ver-sucht, kann sich der Kraft dieses Erzählens entziehen, weil es uns in Staunen führen will. „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel; du hast sie alle weise geordnet und die Erde ist voll deiner Güter.“ Ps. 104,24
Wenn aber aus den Gaben nur noch Spekulationsmasse geworden ist, ein „Produkt“, dazu der sprichwörtliche „Etikettenschwindel“ was in der Packung drin sei, dann ist etwas sehr falsch. Was kommt beim Erzeuger an? Die Landwirtschaft bekommt zu wenig politische Wertschätzung, im Gegensatz zur verarbeitenden Industrie. Wie bei den Energie-Konzernen diktieren in Deutschland vier große Konzerne die Lebensmittelprei-se. An der Börse ist z. B. lange um eine Missernte bei Reis spekuliert worden, um im Frühjahr schon möglichst viele Bestände aufzukaufen, damit man hernach im Herbst die Preise diktieren kann. Aber nicht nur die Börsianer haben Verantwortung, sondern auch wir „Verbraucher“. In Sachsen werden 50% aller Backwaren vernichtet! Das ist ein Skandal, jedoch nicht nur wegen häuslicher Missstände, sondern wegen einer Überproduktion, die überhaupt niemand mehr aufessen könnte.
Ja, ein nachdenkliches Erntedankfest 2018 kann uns gut tun. Das Danken aber entgiftet die Herzen und macht weniger anfällig für schlaue und demagogische Sätze, wenn wieder einmal gewählt werden soll! Bitten wir also den Herrn um den Geist, der die Geister unterscheiden kann. Das ist dringend geboten.

In herzlicher Verbundenheit Euer Pfarrer Jörg Coburger