Liebe Gemeinde,

als einmal der dem Himmelfahrts-Tag folgende Sonntag kam, verabschiedete nach dem Gottesdienst gerade die Gemeinde, da erhielt ich in der Kirchentür diese Rückmeldung: „Das war aber toll am Donnerstag, einfach mal mitten in der Woche anhalten und raus aus dem Stress, einfach mal Pause machen und den Alltag unterbrechen… das könnte öfter sein.“ Da blieb mir nichts anderes als lachend zuzustimmen: „Aber ja doch, jede Woche einmal, seitdem es die Zehn Gebote gibt. Jede Woche einmal anhalten und auftanken“
Liebe Gemeinde, ist uns schon einmal aufgefallen, dass in der Bibel das 3. Gebot das am ausführlichsten begründete ist. Ich weiß schon, sofort stellen sich Seufzen über die oft nicht zum Guten veränderte Arbeitswelt ein, wir sind gejagt und oft pausenlos Getriebene. Richtig, auch in der Kirche gilt leider: Immer weniger arbeiten immer mehr. Indes, das Verheißungspotential aller Gebote bleibt und ist ganz frisch. Wir halten es nicht aus, von einem Urlaub erst bis zum nächsten pausenlos durchzuarbeiten, wir brauchen kleinere Einheiten: Wöchentlich. So weit, so klar. Bis hierher kann man das auch in Sachbüchern über Entspannung und Entschleunigung etc. lesen. Jetzt kommt Urlaub und alle sollen das Glück unverplanter Zeit genießen dürfen; im Namen des HERRN!
Doch der Gedanke von Pause und Freizeit ist bis hierher noch an der Oberfläche.
„Mehr als Israel den Shabbat gehalten hat, hat der Shabbat Israel gehalten“ So sagte es einst Rabbi Leo Baeck (1873-1956). Glauben wir eigentlich und vertrauen wir, wenn wir zurückschalten und in die Stille gehen, dass diese Stille VOR GOTT uns hal-ten wird. Derselbe Rabbi sagte auch: „Gott achtet mich, wenn ich arbeite; er liebt mich, wenn ich tanze“ Denn das 3. Gebot meint viel mehr als: „Mensch, du bist keine Maschine, machmal Pause“ oder so ähnlich, den Rest erledigen die Gewerkschaften. Es meint vielmehr geheilte Beziehungen. Geheilte Beziehungen beinhaltet Vertrauen. Oft habe ich den Eindruck, dass man im volkskirchlichen, religiösen Denken meint, man müsse mit der Einhaltung der Gebote eine moralische Pflicht erfüllen und Gott einen Gefallen tun. Unsinn! Haben wir es schon vergessen: Es ist der Tag des HERRN. Reflexartig haben wir Angst, wir kämen zu kurz. (Dogma aller Gottesdienstverächter: `Gottesdienstbesuch ist verschenkte Zeit, ich muss etwas FÜR MICH tun.`) Wir sollen nicht nur bloß unterbrechen, sondern geheilt werden. Im Mittelpunkt steht die Frage: Können wir uns, Gott und Mensch, noch in die Augen schauen? Nur von dort herschleppen wir die ganzen alten Lasten von vor dem Urlaub nicht einfach weiter, um sie nach einem Urlaub XY wieder aufzuladen. Ich wünsche allen Entlastung und Durchatmen, aber nicht nur einmal im Jahr, sondern Befreiung jede Woche einmal neu, denn segnen kann ich mich nicht alleine.

In herzlicher Verbundenheit Euer Pfarrer Jörg Coburger