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Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr 11.11.2018
Pfr. J. Coburger über Hiob 14,1-6


Liebe Gemeinde, selten ist das Hiob-Buch mit seiner abgrundtiefen Wucht als Predigttext dran. Ist nicht die lange, schier unfassbare Reihe von Todesnachrichten an Hiob wie von einem anderen Planet? Auch ich war erschrocken und dachte: Das soll der Gemeinde ein Trost sein, jetzt am Ende des Kirchenjahres, wo es um Zeit und Ewigkeit geht, um Sterben und Tod und die letzte Hoffnung? Da wähle ich doch lieber eine neutestamentliche Perikope und dazu eine tröstliche Bach-Kantate, vielleicht „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21, weil Johann Sebastian Bach in seiner Sterbensbereitschaft harmloser oder seichter wäre, hat es doch selbst mit dem Tod einiger seiner zwanzig Kinder aus erster und  zweiter Ehe, und den Tod seiner ersten Frau Anna-Magdalena Schlimmes erleben müssen. Die Hälfte der Kinder starb vor dem dritten Lebensjahr.

Doch die Erfahrung, dass Gottes Hand schwer auf unserem Leben lasten kann, wird so oft nun nicht in dieser Intensität ausgesprochen und es ist ein Stück Glaubensreichtum und Anerkennung solcher Schicksale: „Lass aber von mir, ich bekomme keine Luft mehr“ wie wir es mit Psalm 39,14 beten dürfen. Nein, es ist nicht immer gleich in christlicher Ungeduld unser Schicksal – „Geht es uns nicht allen irgendwie so?“ – sondern wir stehen staunend vor einem Glaubenszeugnis aus der Heiligen Schrift, dass den eigenen Glauben vor Verharmlosung bewahren könnte. Es ist ein Glaubenszeugnis, das nicht eilfertig gleich unseres sein muss; Gott sei´s gedankt. Es wird uns auch immer etwas fremd bleiben. Zugleich aber verleiht Hiob unserem Seufzen eine ganze eigene Sprache in ganz eigener Tonart. Wir sollten nicht sofort mit christlicher Glaubensgerechtigkeit alles glattbügeln wollen, wir würden diesem Zeugnis nicht gerecht.

Dazu kommt aber auch die Notwendigkeit, die sehr knapp angegeben Verse 1-6 weiter im ganzen Kapitel in Blick zu nehmen. Ein Stück Lebensheiterkeit bricht auf, wie eine kurze Pause in Hiobs Leben, bis zum Ende des Kapitels zu lesen. Seine Rehabilitation wird schließlich bis zum letzten 42. Kapitel des Buches dauern.

Schließlich besteht auch für den Prediger die Möglichkeit, solchen Text sonntags gar nicht gültig und besonnen predigen zu können, weil ja niemand einfach eine Predigtmaschine ist und sich selbst persönlich einer Lebensphase befinden kann, da er solche Worte nicht auslegen kann, ohne selbst in Tränen auszubrechen.

Wenn, wie bei Hiob auch, solche Klugscheißer wie Hiobs Freund Elihu und andere mit ihren frommen Worten gegangen sind, wird es still im Zimmer und laut in der Seele. Ja, aber auch die sehr persönliche und behutsame zupackende Rede seines Freundes Eliphas im 4. Kapitel gehören zu diesem Weg: „Wie kann eine Mensch gerecht sein vor Gott oder ein Mann rein sein vor dem, der ihn gemacht“ Eliphas gesteht, dies ihm bei solchen Gedanken die Haare am Leibe zu Berge standen.

Ja, manchmal werden wir gestellt. Es gibt auch dünnhäutige Zeiten. Bei der Predigtvorbereitung musste ich immer an den europaweiten 2. Sonntag im Advent denken. Da finden sich Eltern zusammen, die ein Kind verloren haben. Und ihn solchen sensiblen Adventszeiten ist die Trauer immer in Gefahr zur Verbitterung zu werden. Das Tolle war, die meisten in diesem überfüllten Gottesdienst in Freiberg waren keine Christen. Kirche heißt Zuflucht bieten. Und so einfach der Stunde zu entfliehen vermögen wir nicht. Wir müssen uns stellen!

Das Gesangbuchlied „Das Feld ist weiß“ ( EG 513, 6-7 ) spricht von der Ernte, die auch, wie immer, die Ernte des Lebens in den Blick nimmt, ist mir das sehr lieb geworden.

„Sein sind die Güter, wir nur die Verwalter.
Tu Rechnung, spricht der Ew´ge zum Haushalter.
Wie reife Garbe wird nach kurzen Tagen
Der Tod uns mähen und zu Grabe tragen.
Am End nimm, Jesu in die Himmelsscheunen,
auch unsre Seelen, Sabbat dort zu feiern.
Die hier mit Tränen streuen edlen Samen,
werden mit Freuden droben ernten. Amen“

Da ist die Sache vom Anfang des Buches: Solange es einem gut geht, kann er wohl gut fromm sein und sich fröhlich zu Gott halten, was aber wenn es bis in die Grundfesten erschüttert wird, ja, was dann, von wegen Not lehrt beten…

„Es war ein Mann im Lande Utz mit Namen Hiob. Der war fromm und gottesfürchtig und mied das Böse.“ Das verstörende Gespräch zwischen Gott und dem Satan. Dann kommen nächtelange Gedanken. Bildad wird reden. Hiob wird antworten. Kreise. Reden und Gegenreden. Und wir stehen immer als Leser mit im Zimmer. Eines aber sollten wir nicht tun.

Wir sollen und dürfen uns nicht mit Hiob vergleichen. Erzählt einer von seinem Schicksal erlebe ich oft, dass ein anderer abwinkt und meint „dieser da und jene dort sind noch viel schlimmer dran.“ Oder auch zu verallgemeinern: „Es geht ja allen so, du bist keine Ausnahme.“ Ja, es soll vielleicht trösten, macht´s aber nicht. Wie nahe das alles ist, zeigt mir ein Satz, den ich öfter mal höre „Gott macht keine Fehler“ Mag sein, Gott kann ja gar keine Fehler machen, weil er Gott ist und kein Mensch; schon nett, aber dennoch: Thema verfehlt! Weil es um die Lasten geht, die wir aushalten oder nicht mehr aushalten und alles Fundamente wegzubrechen drohen. Im Tod eines Kindes, im Zerbrechen einer Ehe, im Verlust des Arbeitsplatzes, im Untergang des Wohnhauses durch eine Überschwemmung. Alles das gibt es realiter heute, und zwar alles auf einmal. Jeder liest sein Hiob-Buch. Jeder schaut dabei in seinen eigenen biografischen Spiegel hinein. Menschen wie Hiob sind mir – variiert – als Seelsorger wiederholt vorgekommen. Sie aufzufangen, solange wir mehr Kraft und mehr Glauben haben, ist unsere Aufgabe.

Das Wort vom Baum, der fast vollständig wird, wie ein z.B. Haselstrauch, damit er wieder austreibt. Es ist sehr, sehr viel Resignation da und sie wird nicht verschwiegen oder irgendwie bewertet. Und doch brechen selbst oft gegen den Willen des laut denkenden Hiob Hoffnungsaugenblickt hervor. Jesaja weiß auch von solchen Baumstümpfen zu singen und einem Heiligen Rest, der bleibt. Es ist noch von Israel ein kleiner Hoffnungsrest, ein Heiliger Rest, vorhanden, dass er doch wieder austreiben könne, ein Reißig bilde, später ist dann aus diesem Hoffnungsbild „ein Ros“ geworden, das entsprungen, um doch eine Zukunft zu haben. Ebenso Hiob. Dies kaum ausgesprochen, die Bitte endlich wieder auf einen grünen Zweig zu kommen.

Eigenartig, so resignativ das klingt, so ist doch auch das meditative Umkreisen des Gedankens und stete variationsreiche Wiederholen eine Chance für die Seele. Weiß ich doch aus der Seelsorge, dass es nicht genügt, sich einmal das Herz auszuschütten, sondern – oft jahrelang – die Seele Worte auf die Lippen schickt, die von da aus langsam, ganz langsam eine anerkannte Wirklichkeit werden, der man sich stellen kann, weil man das Unfassbare noch gar nicht versteht. Ja, Tränen können reinigen und mitunter sieht man hernach klarer und deutlicher.

Dieser Schlag auch für den Leser und Hörer des Hiob-Buches kann uns eine neue, wache Aufmerksamkeit werden, wie wir mit unserem Herrn und Heiland Jesus Christus dran sind. Wir Christen dürfen dieses Heil nicht allzu routiniert konsumieren, gar abhaken. Wiederholt sprach ich von christlicher Verwöhntheit. Trauerarbeit braucht Geduld. Hiob zeigt es uns.

Hinter dem fragenden, tastenden, geradezu ketzerischen Wunsch Hiobs „käme doch ein Reiner von einem Unreinen?“ dämmert eine – für den Christen vielsagende Hoffnung – dass durch einen, durch den Einzigen jemand käme, der den Todeskreislauf durchbrechen kann. Schon alleine diese fast mystische „Idee“ – denn sie ist zu dem Zeitpunkt noch nicht offenbart – müssen wir dem Geschundenen höchste Achtung entgegenbringen. Im Kreuz Jesu allein sehen wir Gottes Antwort, der selbst in den Tod ging und unseren Tod starb, damit keiner mehr, der zu ihm gehört, gottlos sterben muss. Diesen Tod haben wir für immer durch die Taufe hinter uns. Paul Gerhardt singt:

Das soll und will ich mir zunutz
zu allen Zeiten machen,
im Streite soll es ein meine Schutz,
in Traurigkeit meine Lachen,
in Fröhlichkeit meine Saitenspiel
und wenn mir nichts mehr schmecken will,
soll mich dies Manna speisen;
im Dienst soll´s sein mein Wasserquell,
im Einsamkeit mein Sprachgesell,
zu Hause und auf Reisen“
EG 83, 6