Liebe Brüder und Schwestern,

im Monatsspruch für November heißt es: „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen.“ Jes. 5,20

Lesen wir den Abschnitt insgesamt, so türmt sich die Gesellschaftskritik: „Weh denen…“ steht wie ein Refrain. Korruption, Gier, Maßlosigkeit, Angeberei, Raffen von Immobilien, Verdrehung der Wahrheit durch Verdrehen der Sprache werden in den Kapiteln 2-5 als schier endlose lange Liste benannt; eine tiefe Verwirrung liegt über dem Land. Alles hat eine aufrüttelnde Aktualität, manche Sätze und Beispiele meint man gar nicht mehr übersetzen zu brauchen. Es ist auch jetzt eine ver- rückte Zeit. Die digitale Dekadenz und Belanglosigkeit anstatt das, was die Bibel „Wachsein“ nennt Welt ist zu einem Exzess der Zerstreuung geworden. Die Unterhaltungsindustrie ist zum Opium für das Volk geworden.

Entscheidend ist hierbei, wie wir darauf reagieren. Wir haben nicht nötig, zu fluchen, wenn alles flucht, oder einfach immer mit zu schimpfen. Kritikfähigkeit ist eine Gabe des Heiligen Geistes, wir müssen sie uns erneut erbitten. Ja, gewiss, das Herz ausschütten. Nicht alles in sich hineinfressen, das war niemals in christlicher Ethik gefordert. Es muss jedoch vor Gott beginnen. Gott ist belastbar. Er wartet auf unser: „Ach, Herr, mein Gott, wie lange noch…“ Klagen ist ein genuiner Teil des Gebetes. Etwas schmälern, etwas klein reden, etwas schlecht machen, etwas herunterziehen… - das ist die deutsche Wortbedeutung des hebräischen Wortes „Fluchen“. Beten heißt, unser unaufgeräumtes Herz mit Gott sortieren. Dabei wird nichts beschwichtigt oder falsch harmonisiert. Genau das hatte Jesaja doch verurteilt, aus Finsternis Licht zu machen. Im Gegenteil, dann wird sich manches gerade erst noch verdeutlichen und in aller Klarheit hervortreten. Jesaja redet zum Gottesvolk. Beteiligt euch nicht – so verstehe ich ihn. Ja, wir halten gerade nicht mehr viel aus. Kaum war Corona halbwegs bewältigt, kam ein Krieg vor unsere Haustür. Die Kriegsgewinnler und Preistreiber sind kein Regen, der über uns kam. Unsere Ethik ist mit Besonnenheit und nicht Verzagtheit beschrieben. Es geschieht oft so viel Bewahrung, wir sind unendlich von Segen umgeben und können ihn nicht mehr sehen. Die Journalie hat eine breite nicht zu übersehende Lust zur Skandalisierung. Ist es einmal keine Rekordernte heißt es: 7 Prozent Verlusteinbruch gegenüber dem Vorjahr. Das ist im geistlichen Sinne genau das Fluchen, was da oft geschieht!

Letzlich: Der Kampfplatz liegt in mir! Lasse ich mich auch aufhetzen? Kann ich in Liebe und Ruhe eine Wahrheit aussprechen? Es braucht nicht die geile Anpassungssucht oder das Schweigen der Priester. Es ist aber eine Gemeinheit zu sagen: „Niemand in der Kirche macht den Mund auf!“ Das ist nicht wahr! Reinigen wir unsere Herzen. Lassen wir den Herrn wieder an uns arbeiten. Was ihm gefällt – das ist die Kernfrage der Stunde.

Herzlich grüßt Euer Pfarrer Jörg Coburger