Bild "Willkommen:altar_gruen_400px.jpg"2. Sonntag nach Trinitatis 26. Juni 2022
Pfr. Jörg Coburger über Jona 3,1-3


Gottes ungerechte Gerechtigkeit: Alle sind eingeladen

Wenn Jesus mit dem Alten Testament, dem Tennach, seiner „Bibel“ umgeht und daraus zitiert, wird es immer spannend. Matthäus (12,38-41 ) erzählt uns aus der Zeit der Kämpfe und Auseinandersetzungen um Jesus von den Forderungen der Pharisäer und Schriftgelehrten nach einem Zeichen.
„Ihr fordert Zeichen, sagt er, aber es wird euch kein Zeichen gegeben werden, es sein denn das Zeichen des Jona. Der war im Tod verschlungen, drei Tage lang im Bauch des Fisches, so wird der Menschensohn drei Tage im Schoße der Erde sein. Die Leute von Ninive werden am Tag des Gerichtes auftreten und Zeugnis gegen euch ablegen, denn sie taten Buße. Auch die Königin von Saba, die zu Salomo kam, um seine Weisheit zu hören, wir gegen diese Generation hier auftreten.“ Alles, was ihr braucht, um zu glauben und zu vertrauen, um in Zuversicht euer Leben zu gestalten, alles ist schon von Gott in seiner Heilsgeschichte angefangen von Abraham, Isaak und Jakob geschehen, aber das reicht euch nicht – so verstehe ich diese Worte. Es sei denn, sei denn – das Zeichen des Jona nach drei Tagen…

Schauen wir also mit dem Abschnitt Jona 3, 1-10 genauer hin. Predigttext LESEN

Offenbar. Ein Prophet ist eben kein Zukunftsvorhersager. Übrigens: Was würde es denn nützen, was hat es den je genutzt, wenn einer kam und sagte: Hier stimmt etwas ganz grundlegend und gewaltig nicht? Propheten sind eine öffentliche Stimme und in jedem Fall eine Gegenstimme zu dem, was alle wissen und alle gerade eben so sagen. Sie rufen zum Willen Gottes hin, zu Willen des Schöpfers zurück. Und hier nun, nachdem der Fisch den Propheten wieder frei gab, geht zum zweiten Mal der Auftrag an Jona. Seit 150 Jahren liegt Ninive in Schutt und Asche. Und es sind noch genau 150 Jahre nach vorn, als dann die Babylonier wieder alles in Schutt und Asche legen. Drei Tagesmärsche groß ist Ninive. 120.000 Menschen leben dort. Nach einem Tag Rundwanderung sagt er, was ihm aufgetragen ist. Er geht gar nicht erst bis ins Machtzentrum, er ruft vor den normalen Leuten quasi am Stadtrand. „Vierzig Tage habt ihr Zeit euer Leben zu ändern“ Und nun geschieht, wohingegen die Sache mit dem Fischbauch geradezu ein Kinderspiel zu sein scheint: Sie hören! Sie hören. Sie hören tatsächlich. Sie krempeln ihr Leben nicht auf Anweisung des Königs um, der springt ungewöhnlich schnell für Regierungskreise, auf den bereits fahrenden Zug aug und ruft ein Fasten aus und vor allem, auch das ist nicht die Norm, er macht selber vorbildhaft in der ersten Reihe mit. „Wer weiß, wer weiß, vielleicht, vielleicht kehrt Gott noch einmal um?“ Klar doch, sie kennen die Fakten, sie wissen letztlich jeden Tag, da stimmt was nicht, aber der Impuls muss von außen kommen. Gott selbst hat gerufen, das glauben sie, die gar nicht zum Gott Israels gehören, die Assyrer in ihrer Hauptstadt.

Und sie gingen in Sack und Asche – darüber lacht die Welt bis heute und verspottet Solches als eine rein Äußerliche Sache. Aber in Wirklichkeit wird hier dem Volk Israel und später allen, die zu Gott gehören, ein Spiegel vorgehalten.
Bis zu Jesus im Matthäusevangelium. Die judenchristliche Gemeinde muss also gewusst haben, wer und was mit Jona und der Königin von Saba gemeint ist.

Sack und Asche sind nötig, sind sich doch die Reaktionen beim Thema Schuld und Buße oft sehr ähnlich. Jedoch: Welch eine Einfalt, welch eine Dummheit! Welch eine Verkennung, welch eine Blindheit. Kommt es heute meist nur noch zu mehr oder minder schicken und auch wirklich klugen Begründungen, wenn ein Einzelner oder ein ganzes Volk vor dem Abgrund steht, wird hier ein Spiegel vorgehalten: Die waren so altmodisch und ließen ihr Erschrecken auch Gestalt gewinnen. Sack und Asche heißt: Schluss mit Party und Spaßgesellschaft. Wir wissen es doch eigentlich besser: Buße ist immer Buße im Herzen und eine, ja, äußere, tätige, umtriebige, geistliche, soziale Reue, Umkehr aus den Sackgassen, mit Herzen Mund und Händen.

Nein, bitte, wem Sack und Asche zu unmodern sind, ist schon in Ordnung, aber bis heute braucht es Sichtbares und Tätiges, wenn sich etwas ändern muss. Was für eine wirklich heutige moderne Geschichte. Was für ein freier und mündiger Umgang mit Schuld und Versagen. In Sack und Asche, ja, eben, denn schuld sind doch ganz aktuell auch vor allem immer die anderen und es scheint köstlich, sie Schuldigen immer zu benennen. Nein, ein, nicht die wirklichen Schuldigen, sondern die dazu Geeigneten, wir sagen auch gern Sündenböcke dazu.

Als in der Zeit nach dem Exil Esra und Nehemia die neu erstandene Kultusgemeinde stärkten – Wiederaufbau, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder – kam es aber auch zu Stolz und Überheblichkeit ihrer Umwelt und den anderen Völkern gegenüber. Die gojjim nannte man sie wenig ehrenvoll, indem sie nicht mehr Heilsworte von früher, sondern fast nur noch Droh- und Gerichtsworte gegen die anderen Nichtisraeliten herausstellten. Es war die Zeit der großen Restauration. Alles sollte so wie früher werden. „Hier ist des Herrn Tempel.“ Die alte Sicherheit, der alte Wohlstand kommt wieder, tausende Fremdvölker strömen zum Berg des Herrn. Verständlich: Wir sind wieder wer! Der alte Nationalstolz kehrte zurück. „Wir sind Kinder Abrahams“ Jetzt wird alles wie früher zu Zeiten unseres Königs David. Doch immer wieder werden die Propheten bis hin zu Jesus selbst gegen diese falsche Sicherheit predigen.

In einer Zeit der Enge, der gesellschaftlichen Selbstgerechtigkeit, der hochmütigen Worte gegen die Nachbarvölker, kaum war man selbst dem Elend entronnen. Wiederaufbau kann zu Hochmut führen und wir vergessen die alten bösen Zeiten im Lichte einer alles verklärenden Erinnerung und feiern das alles als einen Aufbruch und klopfen uns selbst auf die Schulter. Für solche Menschen, die gegen andere Völker im Elend die Nase rümpfen, ist diese Geschichte hier und im Buch Ruth genau um diese Zeit geschrieben worden. Viele Propheten haben wohl über die Fremdvölker geweissagt, aber der einzige, der mit einem konkreten Auftrag bis hin zur Angabe eines Zeitfensters von 40 Tagen direkt dort hingesandt wurde, ist Jona. Damit wir hinein schauen und uns erkennen. Derzeit sind ca. 100 Millionen weltweit auf der Flucht.

Dagegen gibt es zwei kurze, feine, oft leise biblische Bücher, die eine freundliche, eine geduldige und barmherzige Gegenstimme zu dieser Überheblichkeit darstellen. Das Buch Ruth und eben Jona. Wieso kommt denn Assyrien mit seiner Hauptstadt Ninive dazu, sich an die Weisungen und Gebote JHWHs zu halten? Diese Öffnung, diese Hinwendung, zunächst noch ganz unverstehbar oder zum Spott wegen Sack und Asche geeignet ist ein Gottes: Einladung an alle.

Es ist deutlich, dass diese Worte den Israeliten einen Spiegel vorhalten.
Sie sind das Volk, das Gottes Wort vernimmt, das um seinen Willen weiß, das sich zu ihm bekennt. Aber es flieht, sucht nach Sicherungen und wirtschaftlich-politischen Taktiken, löst den göttlichen Zorn aus, ist zwischen Glaube und Unglaube hin- und hergerissen und viel zu sehr mit sich selbst befasst. Es will Gott für sich behalten, statt ihn an die Heiden weiterzusagen. Es will unbedingt Grenzen zwischen sich und den anderen festlegen, wo doch Gott grenzenlos ist. Die Heiden aber, auf die Israel herabsieht, SIE sind so, wie Israel eigentlich sein sollte. Sie nehmen Gottes Wort ernst und sind durch das Wort aufzurütteln. Das noch größere Wunder als die Sache mit dem Fischbauch.

Das ist aber genau der Punkt im gesamten Buch. Gottes Barmherzigkeit erweist sich an den Völkern, die ihn nicht kennen. Das Wort gojjim war nicht ohne einen gewissen bösen Unterton. Gott ist den gojjim gnädig. Sein Recht und seine Gerechtigkeit wird den geschundenen Assyrern gerecht. Ja, wie so oft in der Geschichte, wiederholte sich in Israel, was alle anderen Nationen auch kennen.

Kaum ist die Krise vorbei, kaum sind Not und Elend so einigermaßen überwunden, kaum sind die Läden wieder gefüllt, kaum wird wieder gefeiert und kann man wieder shoppen gehen, vergessen alle gern, wie geschunden sie einst selbst waren. Woran zeigt  sich das? Am Propheten selbst.
Nein, noch nicht in unserem Abschnitt, aber wenige Sätze im nächsten 4. Kapitel kommt die Sache mit dem Rizinus-Strauch. Jona setzt sich hin, wartet, dass nun die dicke Strafe kommt, aber was macht Gott. „Das verdross Jona sehr und er wurde zornig“ 4,1 Nur ganz kurz: Gott lässt nach der Gerichtsansage Jonas zu seinem Schutz eine schattige Staude wachsen, auch dazu dass seine Bitterkeit aufhöre. Die Rizinus-Staude geht aber wieder ein. Jona will sterben, aber nicht ohne zuvor seine Enttäuschung gegen Gott zu schleudern. Gott fragt zurück: „Um diese Staude hast du dich nicht gemüht und sie jammert dich nicht. Sollte mich nicht jammern um das Volk, das sich nicht auskennt, das nicht mehr weiß, was rechts und links ist…“

Gott macht nicht mit, wenn jemand das Unglück der anderen will, nur um sich selbst zu behaupten und um der Selbstbestätigung und um des Rechthabens willen. Und damit bei Jona nicht genug, denn es zeigt sich seine geradezu nötigende Einstellung, dass er, wenn Gott sich anders entscheiden sollte, nicht mehr weiterleben wolle.

Im Versagen der Christenheit habe ich mich immer wieder gefragt, was derzeit in unserer Welt geschieht? Ob Gott nicht, wenn wir uns nicht einladen lassen, oder nur mit uns selbst beschäftigt sind, wie bei Lukas 14 auch noch andere Menschen hat, die mitarbeiten an seiner Sache, sein reich bauen, eigentlich nicht auch noch andere dazu gehören und doch uns Christen etwas VOR- MACHEN?