Bild "Willkommen:altar_rot.jpg"8. Sonntag nach Trinitatis 25.7.2021
Pfr. Jörg Coburger über 1. Korinther 6,8-20


Liebe Gemeinde, da sind wir gleich ohne großen Umweg in unserem alltäglichen Leben. Reizworte der Lebensführung, nicht ohne kritischen Unterton, werden laut. Unzucht, Götzendienst, Ehebruch, Kinderschänder, Diebe, Trunkenbolde, Lästerer, Räuber… All das könnte man mit einem heutigen Wort, das genau dieser Zeit entlehnt ist, zusammen-fassen: Hedonismus. Das kommt vom griechischen Wort „edonia“ und heißt als Vokabel einfach „Lust“.

Derzeit leben wir in vielen, auch sehr subtiler Art und Weise in diesem Hedonismus. Es ist das Zeichen einer dekadenten Gesellschaft. Nach mir die Sintflut oder: Koste es, was es wolle… Vor uns haben wir einen Katalog von Wünschen und Ansprüchen, da blättern wir drin und es werden Bedürfnisse geweckt, Wünsch entstehen, was alles ein könnte. So weit so gut. Wo ist das Problem dabei? Erstens bei uns selbst. Wir lehnen uns zurück, der Pfarrer schimpft ein bisschen auf die böse Welt da draußen und wir denken an all die anderen, nur an uns nicht.

Auch das Wort „Alles ist erlaubt“ war eine probate Formel jener Leute in Korinth, die eben genau so dachten und lebten. Die Stoiker und Cyniker dachten so.
Weshalb sei alles erlaubt? Weil sowieso alles vergeht und Leid in der Welt ist, ja das Leid, weil es Starke und Schwache geben muss und es letztlich es solche armen Luder und reiche Genießer braucht, damit alles in der Waagschale bleibt in der Welt. Eine Welt von oben und unten, gesund und krank, arm und reich sei eine gesunde Welt – so dachten die Menschen. Das ist nun tatsächlich sehr zynisch, wie wir noch heute sagen.

Hedonismus; das Spaß- Prinzip. Erlaubt sei deshalb, was Spaß macht. Die Folgen unseres Handelns – nicht gerade egal, aber zweitrangig, wenn es nur so richtig „geil“ ist. Alles ist erlaubt? Ja, klar, und andere müssen dafür bezahlen… Hier sagt Paulus: „Ja, aber…“ Die schöne und sehr richtige Lutherübersetzung: „Alles ist erlaubt, aber es frommt nicht alles.“ sagt es deutlich. So treffend übersetzt Luther. Fromm heißt zunächst nichts weiter: Zum Guten dienen, nützlich, hilfreich sein.

ABER!!! Es dient nicht alles zum Guten, im Gegenteil, sondern zur Zerstörung von Gemeinschaft auf allen Ebenen, in der Ehe, in der Arbeitswelt, in Nachbarschaft, in der Gemeinde, in Sport und Kultur, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Namentlich eine hier wiederholte genannt verfehlte Sexualität wird angesprochen. Das führte auch oft im spöttischen Sinn anderer oder in einer eigenen kirchlichen Prüderie dazu, zu einer Verklemmtheit, Unfreiheit, Freudlosigkeit zu kommen. Ganz bezeugt die gesamte Bibel die Sexualität als eine schöne, wunderbare Gottesgabe. Sich zu entdecken, an Leib und Seele, Freude aneinander zu finden, das alles gehört zur Schöpfung dazu. Aber es sind fragile Gaben, schützenswert und sehr, sehr verletzlich. Nein, Christen sind weder prüde noch verklemmt. Aber wir wissen und bekennen, dass Leiblichkeit einen Schutzraum braucht.

Nein, die Kirche ist nicht leibfeindlich. Mag das einmal gewiss so gewesen sein, derzeit haben wir ganz andere Probleme. Die bestehen zum Beispiel darin, dass wir die Lebensmitte mit den Lebensmitteln verwechseln. Unser Gott ist das Geld und sind die Zahlen. Dagegen steht unübertroffen das Wort: Unser Leib ist ein Tempel, von Gottes Geist bewohnt. Es ist also nicht de Frage, was wir drauf haben, wozu wir die Macht haben und was wir vom Zaune brechen können, nur weil es eben können, sondern die Menschenwürde von Gott her steht zur Debatte. Nicht ob wir es können, sondern was es aus uns macht – so verstehe ich den Apostel.

Weil wir Christus gehören! Das ist die kernhafte Begründung. Die Grundangst meiner Zeit: „Ich führe ein selbstbestimmtes Leben…ich lasse mich nicht fremdbestimmen“ und wie die allzu gutgemeinten Formeln alle heißen. Alle haben sie etwas Richtiges und nach dem Untergang verschiedener deutscher Diktaturen ist das durchaus sehr menschlich, nicht die Marionette einer fremden Macht zu sein. Nur, zu wessen Marionette wirst du denn, wenn du so lebst, wie frei sind wir noch und welchen brutalen Mächten gehören wir, Götzen, nennt sie Paulus. Unsere Taufe war ein Herrschaftswechsel. Glücklich zu leben ist überhaupt keine Frage, aber die Verantwortung dem gegenüber, dem wir gehören, muss bleiben.
Nur gibt uns die Bibel zu bedenken, inwieweit das alleinige Kriterium des Erfolges alles großen und kleinen Sauereien, alle Kavaliersdelikte oder das, was wir dazu verharmlosen, auch unser Kriterium ist. Dürfen wir alles nur deshalb, weil wir es auch können?

„Von der Freiheit eines Christenmenschen“ handelt der Abschnitt. Zu tun und zu lassen, was einem Christen gemäß ist – darum geht es. Auch nicht um Scheitern und richtig sei gewesen, was erfolgreich war. Das sind keine wahrhaftigen Argumente. Weshalb denn nicht? Weil wir, die wir zum Gekreuzigten gehören, doch wissen können, das Gottes Reich und Gottes Segen nicht nach unseren Statistiken wächst, sondern auch in den bittersten Niederlagen oder das, was die Welt so bezeichnet, das Geheimnis eines gelungenen Lebens selbst verborgenen sein kann. Solche, die z.B. losgehen, ein ganzes Jahr lang irgendwo auf der Welt in einem fremden Land Dreck wegzuräumen, solche, die die Wahrheit mit einer möglichen Beförderung oder gar der ganzen Karriere bezahlt haben, solche eben, die nichts und niemanden untertan sind, als ihrem Herrn. Das ist der Punkt. Hier kommt, obwohl es kaum ein Christ noch wahrhaben will, der ganze Mensch zur Entfaltung. Christen leben anders als eine hedonistische Gesellschaft. Sie dürfen sich nicht fürchten, dass von ihren Gegnern und denen, die die Christen hassen, egal, wie wir leben, immer nur das Mieseste unterstellt wird, wir sind frei. Wir sind frei und niemanden untertan und frei, uns einzusetzen, wo Christus uns hinsendet. Wir sind frei „ein dienstbarer Knecht“ zu sein und nichts dabei „herausspringt“ weil wir glauben, dass in solcher Sendung und Beauftragung des Geheimnis des Reiches Gottes wächst. Wir haben keine Angst, vor allem vor denen nicht, die gerne wollen, dass wir vor ihnen Angst und Respekt haben.

Christliche Freiheit will Christus als unseren Platzanweiser in der Gesellschaft. Ach ja, bis zum Gähnen, was „die Kirche“ alles solle und alles muss – das ist doch zweitrangig, sondern die Freiheit eines Christen besteht, zu tun und zu lassen, was Christus gemäß ist. Dass Christen außer ihrem einen HERRN niemandem und nichts gegenüber untertan sind, nicht einmal sich selbst, hat seine Kehrseite eben darin, dass sie ihrem Herrn mit ihrem ganz persönlich-leiblichen Leben lieben und zu tun trachten, was sein Wille ist. Diese Liebe zu Christus schließt jede Gier und jede Selbstsucht aus. Da sind wir wirklich frei.