Bild "Willkommen:altar_weiss.jpg"Trinitatis 30.5.2021
Pfr. Jörg Coburger über 4.Mose 6,22–27


Segen, der rettet!

Der Herr segne dich. Segnen heißt übersetzt: Gutes sagen, Gutes zusprechen, loben, Ermutigendes sagen. Das ist es doch, was über allem ganz groß steht: Wo Gott dich segnet, da zeichnet er dich aus und lobt dich.
In einer jüdischen Familie habe ich diese Wirkung des Segens erlebt. Nach dem Essen am Anfang des Sabbats hat der Vater seine Kinder gesegnet, ihnen die Hände aufgelegt und ihnen zugesprochen: „Gott segnet dich. Er lässt dich werden wie Jakob. Er lässt dich werden wie Sarah.“ Jeden Freitagabend war das wie eine Auszeichnung. Wo Gott dich segnet, da kritisiert er nicht an dir herum. Er, der dich gewollt hat und erdacht hat, sagt dir: Du bist einzigartig. Du musst dich nicht immerfort mit anderen messen und vergleichen, dabei hochmütig werden oder daran verzweifeln. Nein, dich habe ich gewollt, ein einzigartiges Unikat. Noch mehr will ich dir sagen: Ich habe meine Freude an dir, an deinem Leib und allem, was an Wunderbarem dieser Leib kann: singen und weinen, arbeiten und ruhen, fühlen und lieben, hören und sehen, kochen und schmecken, Energie verwandeln und erzeugen, sich bewegen und so vieles mehr. Ich habe meine Freude an dir, an deinem Verstand und seinen unendlichen Möglichkeiten: denken und verschiedene Sprachen lernen, die Welt verstehen und anderen erklären, erfinden und weiterentwickeln, abstrahieren, analysieren, kreativ sein und so vieles mehr. Ich habe meine Freude an dir, an deiner Seele und allem, was sie ausmacht. Sie macht dich einzigartig, weil sie sich nicht beherrschen lässt mit ihren Träumen und Albträumen, mit ihren Reaktionen auf Erlebtes und Durchlittenes, mit ihren unendlichen Speicherräumen und offenen Fenstern zu anderen Welten. Ja, Gott, der dich gewollt hat, hat seine Freude an dir. Du bist ihm unendlich viel wert. Dir gehört die Auszeichnung: Gott hat dich lieb.

Der Herr segne dich und behüte dich. Wo Gott segnet, da behütet er zugleich und drängt die zerstörerischen Kräfte zurück. Ich will davon erzählen, wie solches geschieht: Wir saßen beisammen in einer offenen Gesprächsrunde zum Thema „Von der Kraft des Segnens“. Wir erzählten einander, wo wir gesegnet wurden, und entdeckten typische Erinnerungspunkte: damals bei der Konfirmation – später bei der Trauung – eigentlich jedes Mal, wenn wir Gottesdienst feierten. Und dann war er dran. Er hat mich tief beeindruckt, jener Mann, um die vierzig Jahre alt. Was er uns vor Augen malte, war zunächst so, dass es mir alles zusammenzog. Von seiner Kindheit und Jugend erzählte er und von der Mutter, die mit dem neuen Mann zusammenlebte. Die Mutter konnte sich nicht durchsetzen, wenn der neue Mann ihn schlug oder gar verprügelte. Und so wurde er viele Jahre lang oft täglich geschlagen und gedemütigt. Anderen davon zu erzählen, das war ihm damals ganz unmöglich. Und so musste er selbst damit irgendwie klarkommen. Kaum einer ahnte, was er durchmachen musste. Was ihm die Kraft gegeben habe, dies durchzustehen, fragte ich. Und er antwortete: „Dass ich gesegnet wurde.“ Und er erzählte weiter, wie er als Ministrant in seiner katholischen Gemeinde die heilende und schützende Gegenwelt Gottes erlebte. Da war er angenommen und nicht abgelehnt. Da wurde er nicht überfordert und gedemütigt, sondern er wurde gebraucht und war wichtig. Da wurde er nicht geschlagen und verprügelt, sondern gesegnet. Der Segen hat ihn all das andere aushalten lassen. Der Segen hat ihm das Leben gerettet. Was für eine Botschaft! Wo wir gesegnet werden, drängt Gott die zerstörerischen Mächte zurück. Er bestäubt dich nicht mit schönen, erhebenden Worten. Vielmehr legt er dir einen unsichtbaren, aber sehr wirksamen Schutzanzug an. Dieser Schutzanzug lässt die Gesegneten eben nicht erfrieren im kalten Wasser, in das sie hineingeraten und durch das sie durchmüssen. Dieser Schutzanzug lässt sie auch nicht verbrennen, wenn sie durchs Feuer müssen. Wo wir gesegnet werden, da begleitet uns Gottes Zusage, die wir bei Jesaja hören: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.“ In einem Lied aus unseren Tagen heißt dies so: „Gott, dein guter Segen ist wie ein Mantelkleid, das mich wärmt und beschützt in der kalten Zeit. Guter Gott, ich bitte dich: Tröste und umsorge mich. Lass mich unter deinem Segen leben und ihn weitergeben. Bleibe bei uns alle Zeit, segne uns, segne uns, denn der Weg ist weit.“

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. In dem eben erwähnten Lied heißt es in einem weiteren Vers: „Gott, dein guter Segen ist wie ein helles Licht, leuchtet weit, alle Zeit in der Finsternis. Guter Gott, ich bitte dich: Leuchte und erhelle mich. Lass mich unter deinem Segen leben und ihn weitergeben …“ So erleben wir Christen den Ewigen und Heiligen in Jesus, dem Christus. Er ist für uns das Licht der Welt. Er kam in so viele Dunkelheiten der Menschen hinein, damals in dem Kind, das zu Bethlehem geboren wurde. Und dieser Heiland, dieser Retter, der geboren wurde und herangewachsen ist, der hat den Kampf gegen die übermächtigen Gegner, gegen Sünde und Tod aufgenommen. Er hat sich von der Sünde nicht korrupt machen lassen. „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen“ hat er uns gesagt. So hat er gelebt, so ist er gestorben. Scheinbar ist er gescheitert mit diesem ganz anderen Weg. Aber wir glauben daran, dass sein Weg der Weg zum Leben ist. Wir glauben, dass Gott ihn auferweckt hat von den Toten, ihn verwandelt hat zu einem andersartigen Leben, das uns ganz nah ist. Wenn nun Gott sein Angesicht über dir leuchten lässt, dann wischt er dir die Schlieren von den Scheiben, reinigt das Glas, damit das Licht dich recht strahlend erreicht. Es ist ja das Licht, das von Weihnachten und Karfreitag und Ostern herkommt. Das Licht der Gnade gilt dir. Die Gnade ist größer als Schuld und Versagen. Wenn er dir gnädig ist, dann musst du dich nicht mehr rechtfertigen und verstecken, dich nicht mehr verbiegen und alles schönreden. Wenn er dir gnädig ist, dann brauchst du nicht mehr rechthaberisch und selbstgerecht zu sein. Du brauchst nicht mehr länger deine Wahrheit zur objektiven Wahrheit zu erklären und dich in Lüge und Selbstgerechtigkeit zu verheddern. Wenn er dich segnet und dir gnädig ist, musst du dich von der Sünde nicht korrupt machen lassen. So wischt Gott die blinden Stellen weg, beseitigt die Schlieren und lässt das Licht seiner Gnade ganz ungehindert zu dir.

Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Noch einmal begegnet uns die ganze Fülle von dem, was wir von Gott wissen und glauben. Wenn er uns segnet und uns Frieden gibt, dann gibt er uns nicht den himmlischen Frieden auf Erden in seiner vollendeten und fertigen Form. Nein, er gibt uns das Saatgut für den Frieden. Diese Samen können bei uns guten Boden finden, sich entwickeln, wachsen und reif werden. Und mit den Gaben seines Heiligen Geistes verteilt er kräftig und reichlich solches Saatgut. Gaben des Heiligen Geistes sind vor allem der Glaube, den Gott in uns hineingegeben hat, auch die Hoffnung und die Liebe, wie es Paulus beschreibt. Auch andere Gaben erwähnt Paulus, zum Beispiel die Gabe, Menschen gesund zu machen. Und mit diesen Gaben gibt er uns allerlei Saatgut, damit der Friede nicht langweilig und zur Monokultur wird. Da gibt es Saatgut, das freundliches Wesen in schönsten Farben entwickelt, sodass viele sich daran freuen können. Es gibt Samen, der geduldiges Aushalten wachsen lässt, sodass schwere Schicksale getragen und mitgetragen werden können. Andere Sämerei lässt Menschen verlässlich und treu werden, sodass sich andere anlehnen können und Sicherheit erleben. Wieder ein anderes Aussehen hat die Güte, die besonders den Kleinen und den Belasteten so viel Wärme und Liebe schenkt. Oder denken Sie an den Samen der Zurückhaltung, die warten und schenken kann und sich nicht alles nimmt, was Lust macht. Und wie schön sind die Früchte des Teilen- Könnens, das andere satt macht. So wächst Friede mitten unter Unzufriedenen und Streitenden und Missgünstigen. Auch der Samen für Tatkraft und Engagement sei erwähnt. Wie viel Friede entsteht, wenn diese Gaben bei vielen wachsen. Wo sie Früchte tragen, da leben andere davon. Wo viel Samen aufgeht und heranwächst und sich entfaltet, da wird unwirtliches Land schön und bewohnbar und fruchtbar. Da wächst Gottes Friede, der höher ist als alle Vernunft.

So segnet uns der überreiche Gott. Er ermutigt und zeichnet uns aus. Er gibt uns den Schutzanzug mit, der uns durchhilft. Er wischt die Schlieren und blinden Stellen weg, damit sein Licht uns ungehindert erreicht. Und er lässt Samen, die zum Heil beitragen, in uns wachsen.